LOKAL HEROES 8020

Stadtteilentwicklung durch Urbanität als Lebensform und Möglichkeiten von Partizipation am eigenen lokalen Umfeld

Der 4. Gemeindebezirk Lend erstreckt sich als ehemaliger Gewerbe- und Arbeiterbezirk vom Stadtzentrum bis zum Hauptbahnhof in Graz. Lend hat aktuell etwa 28.000 Einwohner und mit 25% den zweithöchsten Anteil an Hauptwohnsitzen von Nicht-ÖsterreicherInnen in Graz, Tendenz steigend. So treffen im Kernbereich rund um Mariahilferstrasse und Lendplatz heute verschiedene Kulturen und Gesellschaften aufeinander. Der seit dem 18. Jahrhundert bestehende Bauernmarkt, Rotlichtetablissements und alte Wirtshäuser stehen neben Kunsthaus, Haus der Architektur oder Kunstvereinen. Neben migrantischem Leben gesellen sich alternative In-Lokale sowie zahlreiche Künstler- und Kreativkollektive mit ihren Büros, Ateliers und Läden. Gemeinsam ist Ihnen allen, dass sie in diesem Bezirk wohnen und/oder arbeiten, also radikal anwesend sind und sich den urbanen Raum teilen.

Solcher Art Stadtteilentwicklung, durch das Entstehen von Urbanität und neuen Lebensformen, ist eine immer wieder aktuelle Erscheinung in europäischen Städten. Im Unterschied zum künstlich erzeugten Creative-Industries-Hype und seinen Versprechungen à la Richard Florida stehen hier etwa künstlerische Interventionen und authentische Partizipation am eigenen lokalen Umfeld im Vordergrund. Der Kiez in Hamburg, Zürich-West oder Wien-Ottakring zeigen es vor und der Bezirk Lend in Graz ist genauso ein lebender Beweis dafür. Seitdem sich in seinem Zentrum in nur wenigen Jahren eine virulente Szene angesiedelt hat, steht hier kaum mehr ein Geschäft leer. Die Beliebtheit als Wohnviertel in 8020 steigt gerade bei jungen Leuten wieder. Abseits offizieller politischer Strategien von Wirtschaftsförderung und Standtortmarketing hat sich das Leben und das Stadtbild hier wirklich und nachhaltig verändert.

Als logische Konsequenz hat sich eine erfolgreiche Stadtteilinitiative entwickelt, die alljährlich den Lendwirbel als urbanes, vielschichtiges Stadtteilfest im Mai veranstaltet. Die Plätze und Straßen, Ecken und Gassen werden dabei zum temporären Spielplatz der Ideen und Experimente und zum Präsentations-, Kommunikations-, Diskussions- und Entwicklungsraum. Es wird gestaunt und gerockt, gekocht und gebastelt, vorgeführt und ausgestellt und der urbane Lebensraum als Bühne des Lebens zurückerobert. Der Lendwirbel ist also auch die mehrtägige Würdigung urbaner Lebensform in Graz.

Anlässlich dieser Transformationsprozesse im Grazer Lendviertel hat sich eine Gruppe in der Gegend wohnender und selbständig arbeitender ExpertInnen zu LOKAL HEROES 8020 als Verein für Kreative, Stadt, Entwicklung zusammengeschlossen. Der Verein bezweckt die konstante Auseinandersetzung mit Themen der Stadtforschung, der Stadtentwicklung und des Stadtaktivismus. Dazu zählen insbesondere Vorträge, Ausstellungen, Symposien, Roundtables, Workshops, Interventionen, Publikationen aber auch sämtliche Tätigkeiten, die der Stadtentwicklung und Stadtteilentwicklung auf allen Ebenen dienlich sind.

So wird alljährlich das Stadtteilfest im Mai mit einem kritischen Diskurs in Form eines öffentlichen Symposiums begleitet. Ausgehend von der Situation im Lendviertel in Graz werden derartige Phänomene im Spannungsfeld von Stadt, Urbanität und Lebensform im internationalen Kontext betrachtet. Bei der Auswahl der Themen wird dabei auf vergleichbare und beispielgebende kulturelle und urbane Umfelder geachtet. Dabei interessiert die Sphäre des Stadtraumes als Bühne des Lebens ebenso wie die verschiedenen Lebensformen der Individuen und Communities, die diesen heutzutage bevölkern.

Wenn in der Architektur und im Städtebau der Eindruck von Stadt, die Anmutung eines Raums als Urbanität bezeichnet wird, so ist es in der Soziologie eine Lebensweise, wie sie nur in einer Stadt entstehen kann. Beiden gemeinsam ist die Stadt, die wir täglich gestalten und beeinflussen, in der wir wohnen und arbeiten.
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